Regionalität - ein neuer Megatrend? | strombewegung

Regionalität - ein neuer Megatrend?

Ein Megatrend wird stets als ein langfristiger Prozess beschrieben und besitzt in der Regel eine langanhaltende soziale, gesellschaftliche und politische Wirkung, die sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wirtschaft prägend sind. Laut dem Zukunftsinstitut Frankfurt am Main ist die Globalisierung ein aktueller Megatrend und gleichzeitig eine gesellschaftliche Kernherausforderung der nächsten Jahre1. Es ist zu vermerken, dass sich während der Wirkungszeit eines bereits identifizierten Megatrends weitere abzeichnen können. Dies wird nun verstärkt zum Thema in unterschiedlichen Branchen.

Es ist eine Veränderung der sogenannten Nutzermentalität und -verhalten festgestellt worden, die zu einer Anpassung des jeweiligen Geschäftsfeldes führt bzw. führen werden. Beispielsweise wächst der Wunsch nach Dezentralisierung von Wissen durch die Digitalisierung und des Internets. Der Bedarf an zentralisierter Wissenserlangung wird reduziert und löst somit einen Veränderungsdruck auf die Umwelt einer Organisation aus.

Die Frage, die sich daraus ergibt: Entspricht der anhaltende Trend der Globalisierung noch der Realität oder zeichnet sich mittlerweile ein anderer Trend ab, der als Regionalität oder auch Regionalisierung bezeichnet wird? Um die Veränderungen in der Gesellschaft beschreiben zu können, müssen verschiedene Aspekte beleuchtet werden. Die folgende Betrachtung bezieht sich daher auf die Wahrnehmung des Bedarfes an Regionalität, hergeleitet am Beispiel der Lebensmittelindustrie, über die aktuellen Entwicklungen bis hin zur politischen Energiemarktposition.

„Die Globalisierung [widerstrebt] den Leuten; sie legen Wert auf Nachvollziehbarkeit.“2

Dr. Maria Linderer ist Geschäftsführerin der Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft und beschreibt mit diesem Statement einen entscheidenden Vorteil der Regionalität für die Lebensmittelindustrie. Im Rahmen eines Interviews zum Thema: „Ist Regionalität der neue Trend?“2 schildert Linderer die Vorteile von regionalen Produkten, dessen Herstellung nachvollziehbar für den Endkunden ist. Folgend nennt sie unterschiedliche Faktoren, die eine Regionalisierung im Lebensmittelsektor bestärken: Tradition, Vertrauen und Sicherheit“.2 Dies wird laut Linderer stets in Verbindung mit einem Netzwerk von Personen aus der Region und aus der Nachbarschaft gebracht.

Das Marktforschungsinstitut GFK ist in seinem consumer index ganz ähnlicher Meinung. Darin achten fast die Hälfte der Verbraucher auf einen regionalen und nachhaltigen Konsum.

 

1. "Beim Kauf von Nahrungsmittel bevorzuge ich Bio-/Öko-Produkte" "Ich bin bereit, für Bio-/Öko-Produkte auch mehr Geld auszugeben."
2. "Ich kaufe bewusst Produkte aus fairem Handel (z.B. Fairtrade)" " Ich bin bereit, für fair gehandelte Produkte auch mehr Geld auszugeben."
3. "Ich bin bereit, für Lebensmittel aus meiner Region auch mehr Geld auszugeben."
4. " Ich kaufe bewusst weniger Lebensmittel auf Vorrat ein, damit ich nicht mehr so viel wegwerfen muss."

 

Aus der Perspektive der Lebensmittelindustrie ist der Trend der Regionalität eindeutig zu verzeichnen. Wie sieht es demzufolge auf dem Energiemarkt aus? Die Agora Energiewende ist eine gemeinsame Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation und setzt sich wissenschaftlich mit politischen Themen zur Energiewende auseinander. Ihre aktuelle Analyse vom Februar 2017 hat ergeben, dass die Dezentralität ein prägendes Merkmal des aktuellen Wandels des Energiesystems ist. Es wurden vor allem „politische, ökonomisch und soziale Präferenzen für Eigenversorgung und Regionalität“ als Grund für den Wandel angegeben.4

Hier die vollständige Analyse: https://www.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2016/Dezentralitaet/Agora_Dezentralitaet_WEB.pdf

Laut einem Statistikvergleich kann dieser Trend bestätigt werden:

2016 lag der Anteil der erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung bei 29% im Verhältnis zur konservativen Erzeugung. Das sind knapp 25% mehr als im Jahr des neuen Millenniums.5

Aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Nutzungsmentalität und dem Bewusstsein für Regionalität, drängt sich ein neuer, jedoch wirtschaftlich gesehen, sehr junger Megatrend auf: Die Regionalisierung. Dies stellt aber vor allem unser bisher bekanntes Energiesystem vor Schwierigkeiten.

Die Agora Institution erklärt, dass wir „bisher zwar wollen, aber nicht können“.4 Das bedeutet, dass unser aktuelles Stromsystem nicht an unseren Wunsch nach dezentraler Energieerzeugung angepasst ist. Es besteht regelrecht ein Chaos zwischen falschen Versprechen, Extrakosten für den Verbraucher und undurchsichtigen Umlagen.

Es ist jedoch möglich, den Strom regenerativ, regional und selbstbestimmend zu produzieren und zu verbrauchen. Dies sehen wir als unseren Auftrag. Wir stellen die dezentralen Strukturen her, indem wir ein deutschlandweites Netz an Produzenten stellen und jeder selbst entscheiden kann, von wem der Strom produziert wird. Dies ist der Energiemarkt von morgen und deckt die gesellschaftlichen Bedürfnisse sowie die der Umwelt.

 

Literaturnachweis:

  1. Thema Megatrends: www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends/
  2. Ein Interview mit Dr. Maria Linderer, Geschäftsführerin der Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft. Interviewt von Isabell Karch — 25. Juni 2014:  http://gastgewerbe-magazin.de/landesvereinigung-der-bayerischen-milchwirtschaft-gaeste-legen-wert-auf-nachvollziehbarkeit-627
  3. Consumer index 03/2014 GFK Nachhaltig & Regional    
  4. https://www.agora-energiewende.de/de/presse/pressemitteilungen/detailansicht/news/das-energiesystem-wird-dezentraler-aber-energiepolitik-und-energierecht-haben-das-noch-nicht-verstanden/News/detail/
  5.  https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1807/umfrage/erneuerbare-energien-anteil-der-energiebereitstellung-seit-1991/

 

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